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Interview mit Frau Dr. Ursula Hudson

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Interview mit Frau Dr. Ursula Hudson

Quelle: Dr. Ursula Hudson
Dr. Ursula Hudson

Frau Dr. Ursula Hudson, ist seit Februar 2009 Stellvertretende Vorsitzende von Slow Food Deutschland e.V. Sie lebt und arbeitet in Deutschland und in Großbritannien. Dr. Ursula Hudson hält Vorträge zur Kulturthematischen Praxis, zu kulinarischer Bildung und künstlerisch kulinarischen Geselligkeit, zudem veröffentlichte sie bereits verschiedene Küchenbücher.

Was bedeutet Slow Food?

Slow Food ist zunächst einmal eine internationale Graswurzel-Bewegung, die sich dem Erhalt von jeweils lokalen kulinarischen Traditionen, der Vielfalt auf dem Teller und in der Natur verschrieben hat. Leitendes Prinzip ist das Recht eines jeden Menschen auf gute, saubere und faire Lebensmittelmittel. Gut im Sinne des Geschmacks, der Freude beim Verzehr und der Freude am Genuss. Sauber im Sinne der Erzeugung und Weiterverarbeitung ohne die Produktion erleichternde, den Geschmack verfälschende Zusatzstoffe, und fair im Sinne der gerechten Bezahlung und der Nicht-Ausbeutung von Tier und Mensch. Damit setzt sich Slow Food ein für den Erhalt der Biodiversität, für kulinarische Traditionen, für das Lebensmittelhandwerk, für artgerechte Tierhaltung und ressourcenschonende, nachhaltige Lebensmittelproduktion und für Lebensmittelsouveränität. Zentral ist aber auch die Förderung des Wissens um Lebensmittel, deren Geschmacksvielfalt und deren Erzeugung. Für Slow Food ist die Beziehung von Landwirtschaft und Teller ein enger politischer Zusammenhang, auf lokaler wie globaler Ebene.

Wie ist Ihre Organisation entstanden und für welche Themen treten Sie ein?

Slow Food ist Ende der 80er Jahre entstanden, die Idee kommt aus Italien; der Gründungsmythos besagt, dass Slow Food aus dem Widerstand gegen die Eröffnung einer McDonalds Filiale an der spanischen Treppe in Rom entstanden sei. Slow Food ist für Entschleunigung und richtet sich gegen die Ausbreitung von Fast Food, das Verschwinden von lokalen Essenstraditionen und das schwindende Interesse der Menschen an ihrem Essen, daran, wo es herkommt, wie es schmeckt und inwieweit unsere alimentären Entscheidungen den Rest der Welt beeinflussen. Die Gründung von Slow Food International fand am 10. Dezember 1989 in Paris statt. Der Sitz von Slow Food International ist in Bra, Italien.

Wie sind Sie in Deutschland und weltweit organisiert?

Slow Food ist weltweit in lokalen Gruppen organisiert, den sogenannten Convivien. In zahlreichen Ländern wurden nationale Dachorganisationen gegründet, die die Verbindung zwischen den lokalen Convivien und der internationalen Bewegung, sowie die nationale Außenvertretung der Organisation sichern und Projekte koordinieren. In Deutschland gibt es über 10.000 Mitglieder und 79 lokale Gruppen, sowie ein Campus Convivium. Weltweit ist Slow Food in ca. 150 Ländern vertreten.

Was bedeutet „Biodiversität“ im Zusammenhang mit Esskultur?

Biodiversität im Zusammenhang mit Esskultur bedeutet, die Vielfalt des Geschmacks zu erhalten. Lokale Sorten und lokale Rassen sind standort-angepasst und sichern die Lebensmittelerzeugung weltweit. Dazu sichern sie die Vielfalt auf dem Teller im Sinne der geschmacklichen Vielfalt und der Freude beim Essen gegenüber der geschmacklichen Gleichmacherei der industriell erzeugten Nahrungsmittel. Vielfalt auf dem Teller heißt auch, eine lokale/regionale kulinarische Identität zu haben, die es zu bewahren gilt und sich von anderen, aufgrund der dort typischen Lebensmittel und ihrer Verarbeitung sowie Zubereitungsweisen, als Region zu unterscheiden.

Wie wirken Sie auf die Hersteller von Nahrungsmitteln ein?

Mit unserer Forderung nach guten, sauberen und fairen Lebensmitteln wirken wir im besten Fall auf die Hersteller so ein, dass sie sich diese Forderungen zu eigen machen und ihre Erzeugung von Lebensmitteln darauf ausrichten. Dass es für derart hergestellte Lebensmittel einen Markt gibt, das zeigt sich aufs deutlichste auf der sogenannten deutschen Slow Food Messe, dem Markt des guten Geschmacks, die jährlich einmal in Stuttgart stattfindet. Besucher- wie Ausstellerzahlen steigen von Jahr zu Jahr. Für die Erzeuger bedeutet ein ‚Schwenk‘ hin zu Slow auch die Chance von Quantität auf Qualität umzusteigen. Doch ist dabei nicht aus dem Auge zu verlieren, dass Slow Food ein Angebot bzw. eine Alternative ist – nicht mehr und nicht weniger.

Welche Nahrungsmittel sind schützenswert und wie kann man diese schützen?

Schützenswert im Sinne Slow Foods sind Lebensmittel und Zubereitungsweisen, die vom Aussterben bedroht sind. Das Essen retten und verzehren, was man bewahren will – wäre dazu die Slow Food Anleitung. Nachfrage schaffen und damit die Herstellung sichern. Ein wichtiges, wenn nicht zentrales, Slow Food Projekt ist die sogenannte Arche des Geschmacks. Es ist ein internationales Projekt zur Erhaltung der Biodiversität, von der Slow Food Stiftung für Biodiversität 1996 gegründet. Es schützt weltweit fast 1000 regional wertvolle Lebensmittel, Nutztierarten und Kulturpflanzen vor dem Vergessen, indem sie in die Arche des Geschmacks aufgenommen werden. Mit dem Wissen, dass biologische Vielfalt regionale Wurzeln besitzt, bewahrt die Arche des Geschmacks das kulinarische Erbe der Regionen. In Deutschland sind es aktuell 30 Passagiere.

Was kritisieren Sie an der Entwicklung zum Fast Food?

Die Entwicklung zum Fast Food ist eine Entwicklung hin zur industriellen Nahrungsmittelproduktion, bei der Geschmacksvielfalt, Artenvielfalt, Lebensmittelkenntnis und Identität verloren gehen. Fast Food basiert meist auf qualitativ wenig hochwertigen Ausgangsprodukten, die mittels einer Reihe von ‚Helfern‘ zu Nahrungsmitteln weiterverarbeitet werden und nicht zur Gesundheit der Bevölkerung beitragen. Eine Fast Food Nahrungsmittelwelt braucht Massentierhaltung, Monokulturen und arbeitet Hand in Hand mit der Agro-Industrie, die nicht nachhaltig ist.

An welchen Projekten arbeiten Sie zukünftig?

An mehr Bildung, Geschmacksbildung und Verbraucherbildung und an der Heranführung junger Menschen an das zentrale Thema Essen, Esskultur und Freude beim Essen. Zudem an der Unterstützung von Erzeuger- und Verbrauchernetzwerken, sowie der Unterstützung von Projekten zur gemeinschaftlichen Bewirtschaftung von landwirtschaftlichen Betrieben – Städter und Bauern www.staedter-werden-bauern.de – und dem Ausbau des Archeprojekts.

Interview: Ralph Bloemer, InterMopro.de